Schönheitskur in Tirana

 

In Tirana, der Hauptstadt Albaniens, trägt Mann gerne kurz. Einen Sehr-Kurzhaarschnitt sozusagen. Die Seiten fast ganz kahl rasiert und in der Kopfmitte dann einen frechen Streifen von etwa einem halben Zentimeter Länge. Maximal. Irokesen-Schnitt würde man das vielleicht nennen. Auf jeden Fall markant.

In Albanien, besonders in der Hauptstadt Tirana, legt Frau sehr viel Wert auf ihr Äußeres. Schmuck, körperbetonte Kleidung, Absatzschuhe, stolzer Gang und langes akurat gestyltes Haar schmücken das weibliche Stadtbild.
Umso mehr reizt es mich, meine durch Wind, Sonne und Salzwasser beanspruchte Mähne in einem Frauen-Friseursalon (nicht jeder Friseursalon in Tirana bedient Frau) mal wieder richtig in Form zu bringen.

Was also tun, wenn es mal Zeit wird für einen Friseurbesuch? Wenn die eigene Frisur schon nicht mehr diese Bezeichnung verdient, weil alles in alle Richtungen absteht? Und wenn das regnerische Wetter auch noch dazu einlädt, sich in einem Salon etwas verwöhnen zu lassen? Wie also dem Friseurmeister der Wahl im minimalistisch eingerichteten Salon Sellvia mitten in Tirana deutlich machen, dass man selbst NICHT so eine albanische Herrenfrisur haben möchte? Schwierig, wenn die eigene Sprachfähigkeit bei „Hallo“ (Pershendetje) und „Danke“ (falemenderit, wobei es „r“ gerollt und die dritte Silbe betont wird) schon maßlos überfordert ist und wenn der Friseurmeister auf Englisch gerade so versteht, dass man die Haare geschnitten UND den Bart gestutzt haben will.

Vor dem Friseurbesuch in Tirana

Vor einem kleinen Salon mit großformatigen Frauenfrisurien an den Fensterscheiben bleibe ich stehen. Die junge Friseurin unterbricht ihr konzentriertes Schaffen an einer Kundin, um mich freundlich in Empfang zu nehmen. Auf mögliche Sprachbarrieren vorbereitet, zeige ich ihr die von mir vorab aus dem Internet ausgesuchte Frisur auf dem Handy. Haare kürzen und Pony. Sie nickt ab und bittet mich Platz zu nehmen.

Also mit Händen signalisieren, dass ungefähr die Hälfte weg soll und der Rest wird sich schon weisen. Begeistert sieht mein Friseurmeister nicht aus. Die kommenden 20 Minuten verzieht er keine Miene. Das mag daran liegen, dass Albaner ohnehin nicht so freundlich dreinblicken, zumindest auf den ersten Blick. Oder es liegt daran, dass ich zunächst versucht hatte, einen Schnitt beim Salon nebenan zu bekommen, dort aber wegen Überfüllung abgewiesen wurde und erst dann zum Konkurrenten direkt daneben gewechselt bin.

Auf meine Frage hin, was das Ganze kosten wird und wieviel Zeit ich einplanen sollte, erhalte ich eine Antwort auf Umwegen: Die Kundin im Behandlungssessel mischt sich jetzt ein, wählt eine Nummer und reicht mir das Handy. In perfektem Englisch beantwortet mir die Stimme am anderen Ende der Leitung meine Fragen: Ich werde wohl nach der jetzigen Kundin an der Reihe sein. Preis 1000 Lekke (ca. 8 Euro). Also nehme ich auf der Wartecouch Platz und werde Zeugin einer unterhaltsamen Diensteistung im albanischen Frauenfriseursalon.

Vielleicht deswegen geht mein Friseur dann auch nicht besonders zärtlich mit mir um und schiebt meinen Kopf eher grob von links nach rechts, von oben nach unten, um besser an die entscheidenden Stellen zu kommen. Er hätte auch gut Metzger werden können, denke ich, mit seinen dicken Unterarmen. Aber vielleicht ist es einfach auch nur seine Berufsauffassung: Er ist schnell, er ist akurat, er ist ein Handwerker.

Noch bin ich nicht an der Reihe. Voller Überzeugung greift die Friseurin in den Schrank, entnimmt zwei dicke Tuben und mixt auf einer Schale einen Chemie-Cocktail, der mit Pinsel in das weißblond gefärbte, etwas kaputte Haar der Kundin vor mir verteilt wird. Hat die Telefondolmetscherin auch wirklich deutlich machen können, dass ich auf eine solche ungesunde Haarfärbprozedur verzichten möchte?

Vor dem Friseurbesuch in Tirana

Nach 10 Minuten liegen rings um den Frisierstuhl dicke Haarknäuel. Ich sehe die Büschel fallen, traue mich aber nichts zu sagen. Das soll die Hälfte sein? Rechts neben mir wird ein weiterer Gast behandelt. Er war schon vor mir da und er wird auch noch da sein, wenn ich schon längst bezahlt habe. Und das obwohl er kaum Haare auf dem Kopf hat, sondern den anfangs erwähnten albanischen Standard-Look. Er scheint aber ständig was auszusetzen zu haben. Immer wieder muss sein zuständiger Bearbeiter erneut die Schere ansetzen und jede noch so kleine Unebenheit ausbessern. Ohnehin verstehe ich langsam, dass das ein zentrales Kriterium zu sein scheint: Die Haare müssen die exakt gleiche Länge haben. Milimetergenau. Keines darf abstehen oder hervorragen. Haareschneiden hat hier was von Schreinerarbeiten.

Die Haare der Kundin reagieren direkt auf das „Zaubermittel“: Sie fallen ihr in großen Mengen aus und verteilen sich auf dem Boden des Salons. Während sich in mir die Vorahnung eines möglichen Frisurendesasters breit macht, wirkt die Kundin noch positiv gestimmt und lässt die Behandlung an ihren Haaren geschehen.

Mit einem herzhaften Knuff auf den Oberarm werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Länge okay?, symbolisiert mir mein Handwerker. Ich nicke schnell und strecke meinen Daumen nach oben, bevor er mir noch mehr abschneidet. Dann sehe ich, dass diese Scherenarbeit auf einen Seitenscheitel herausläuft. Will ich das? Jetzt erst fällt mir ein, dass ich anfangs auch gesagt hatte, dass ich aus meinem Vollbart einen Schnautzer geschnitzt haben will. Oh je, er wird doch nicht… Weiß er, dass ich Deutscher bin und denkt…?

Oh je, weiterhin auf der Zuschauercouch sitzend erahne ich Böses. Das wird kein Blond, das auf der Kopfhaut der Kundin heranreift. Die Friseurin beginnt mit dem Auswaschen des streng riechenden Färbemittels. Nicht mehr dem Spiegel zugewandt, sondern mir, bekommt sie in der Waschschale mit festem Griff von der Friseurin die Haare ausgespült.
Ich versuche meinen skeptischen Blick, den die Kundin mittlerweile wahrgenommen hat, durch ein Lächeln abzumildern. Auf ihren fragenden Blick reagiere ich mit einem bestätigenden Nicken….‘das wird gut, was sich da auf deinem Kopf anbahnt‘ versuche ich ihr zu signalisieren. Dies entspricht eher einer stillschweigenden Hoffnung, als dem realen Bild vor meinen Augen.

Alle Sorgen umsonst. Nach 15 Minuten hochkonzentrierter Präszisionsarbeit werde ich in den Waschsessel gebeten. Nein besser: beordert. Mein Behandler nimmt meinen Kopf in seine starken Hände und drückt meinen Nacken in die etwas zu enge Aussparung des Waschbeckens. Im Würgegriff bekomme ich den Kopf geschrubbt. Dann folgt das Styling.

Das ist definitiv kein blond! Nach nunmehr 90 Minuten sitze ich immer noch auf dem Sofa. Mehr und mehr gleichen die Haare der Kundin vor mir einem glanzvollen Schweinchenrosa. Ich beobachte, wie die Gesichtsmimik der Friseurin während der wilden Ausspülaktion nun auch zunehmend ernster und entschlossener wird. Und noch ein Schampoo und noch eine Spülung….
Die Kundin schaut mich immer noch an….Julia, du musst lächeln. Nimmt sie mir das ab?

Geschafft. Nach dem Friseurbesuch in Tirana

Kurzes, kraftvolles Trockenreiben mit Handtuch. Der Metzger nimmt eine ordentliche Portion scharf duftenden Haar-Gels und massiert sie kraftvoll in die spärlich übriggebliebenen Haare ein. Etwas zu stark drückt er dann mit der Bürste auf, für einen dezenten Wet-Look. Nun der Föhn. Schließlich das Finale: Als wären es widerspenstige Falten in einer Tischdecke, streicht der Friseurmeister druckvoll jegliches Häärchen mit seiner flachen Hand in die gewünschte Richtung. Jetzt steht nichts mehr ab. Geschafft. Fürs Abschlussfoto kann auch mein Friseur lächeln.

Dann das große Finale. Und ich sitze als Zuschauerin in der ersten Reihe: Die Kundin richtet sich aus der Waschschale auf (welche nach der agressiven Waschprozedur der Friseurin mit ausgefallenen Haaren verstopft ist), dreht sich dem Spiegel zu, erstarrt….es begegnet ihr das Spiegelbild einer „Griff in die Steckdosen“- Frisur in einem verwaschenen Rosa-Gelb-Ton. Ein Dialog auf albanisch folgt, die Strenge im Ton macht deutlich, dass es sich hierbei nicht um ein zufriedenes „Abnicken“ der neuen Frisur der Kundin handeln kann.
Die Kundin greift ihre Sachen und verlässt offensichtlich ernsthaft erbost den Friseursalon… mit stolzem Gang, versteht sich.
Jetzt bin ich an der Reihe.

Ein Gedanke zu „Schönheitskur in Tirana“

  1. Lieber Jonas, deine alte Frisur war mir lieber 🙂 Ich habe heute dein Interview in Neugier genügt gehört. Es war unterhaltsam und sehr anschaulich.
    Liebe Grüße
    Margit

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