Miss Molly

Darf ich mich kurz vorstellen? Ich bin „Miss Molly“. Ich bin fast 27 Jahre alt und komme ursprünglich aus Schweden. Meinen Spitznamen trage ich, wegen meines sanften, federnden Fahrgefühls. Und wegen meiner schönen Rundungen. Und natürlich auch wegen meiner Unerschütterlichkeit – so wie Molly die Lokomotive von Jim Knopf. Eine treue Begleiterin eben.

Ich habe schon ganz schön viel von der Welt gesehen. Rein theoretisch habe ich fast 9 Mal die Welt umrundet. 9 Mal! Dass muss man sich mal vorstellen. 360.000 Kilometer. Und das alles auf Rädern. Kommt eben schon was zusammen in dem Alter. Meine offizielle Höchstgeschwindigkeit beträgt 177 km/h. Aber so schnell war ich schon lange nicht mehr unterwegs. Mittlerweile lass ich es auch etwas ruhiger angehen.

Doch für meinen Lebensabend habe ich mich noch mal richtig verändert. Eine echte Typveränderung. Ich habe etwas abgenommen und unnötigen Ballast wie die Rückbank rausgeschmissen. Dafür habe ich eine gut 1 Meter breite Holzplatte aufgenommen. Dazu Matratze, Kühlbox und Wassertank. Nun bin ich ein echtes Wohnmobil. Wollte ich schon immer mal sein. Nur nicht so fett. Ich bin wahrscheinlich das schlankeste Wohnmobil überhaupt.

Äußerlich habe ich mich auch etwas verändert. Hab mir einen neuen Look verpasst. Haare kurz. Mein geliebter Dachgepäckträger musste einfach mal ab. Der hat ab Tempo 80 immer Lärm gemacht. Voll nervig. Und dann habe ich mir noch ein kleines Tattoo gegönnt. Ja, ich weiß, das ist vielleicht etwas albern in dem Alter, aber ist halt was Besonderes. Ist sogar von einem echten Künstler. Pavel Miguel aus Karlsruhe hat auf meiner Motorhaube sein Lieblingsmotiv verewigt. Eine Kühlerfigur sozusagen. Ein echter Hingucker.

Aber das wichtigste Accessoire meiner Verjüngungskur: Eine echte Sonnenbrille. Mega lässig. So wie James Dean oder Falco. Getönte Scheiben waren schon immer mein Traum. Hab an der Ampel ständig neidisch auf meine aufgemotzten Genossen geguckt. Alle hatten sowas, nur ich nicht. Die verdunkelten Fenster geben mir so einen verwegenen, geheimnisvollen Touch. Steh’ ich voll drauf. Gefällt mir einfach dieser mediterrane Style. Auch als Schwede kann ich sowas tragen, finde ich.

Miss Molly Rückansicht. Volvo 240GL

Und ich muss mich ja auch etwas anpassen an meine zukünftigen Straßengefährten. Ich hab gehört, auf dem Balkan sind verdunkelte Scheiben immer noch total angesagt. Ich will da ja auch nicht so sehr als Ausländer auffallen. Ich bin ja ohnehin gespannt wie ein Keilriemen, wie es da wird. Man hört ja viel über den Zustand der Straßen dort und den etwas eigenwilligen Fahrstil der Südländer. Aber mein Gott, da passt man sich halt an. Meine Hupe funktioniert ja einwandfrei.

Besorgt bin ich eher über die Tauglichkeit meiner neuen Lenker. Die haben ja beide nicht viel Erfahrung mit alten Ladys wie mir. Ich glaube, die haben keine Ahnung, wie man mich pflegt und versorgt. Mein Vorbesitzer musste denen sogar noch erklären wo man den Ölstand misst und wie man meine Zündkerze wechselt. Da ist mir vor Schreck beinah der Auspuff abgefallen. Naja, aber das wird schon. Ansonsten scheinen sie auch ganz nett zu sein. Uneins sind sie sich eigentlich nur über die Musik, die sie hören wollen. Und dann singen sie auch noch so schief mit. Oder noch schlimmer: Sie pfeifen mit.

Kühlerfigur von Pablo Miguel

Aber wenigstens treiben sie mich nicht zu Höchstleistungen. Viel schneller als 100 km/h wollen sie nie fahren. Voll entspannt. Und in Wien voll nett. Da haben sie mich nach langer Parkplatzsuche zuerst an einem total steilen Berg abgestellt. Super weit weg von deren Unterkunft. Und dann haben sie mich mitten in der Nacht doch noch zu sich in die Nähe geholt. Wie süß. Aber ich glaube die hatten einfach Angst, dass ich wegrolle, dass meine Bremse und so nicht halten. Aber, hey, ich bin echt noch topfit. Das werde ich den beiden schon beweisen.

Jetzt haben wir auch schon die erste Nacht zusammen verbracht. Zu Dritt. Auf einem Campingplatz südlich von Graz. Ganz nett gelegen an einem See. War etwas ungewohnt, aber schließlich haben wir alle drei gut geschlafen. Solange bis morgens um sieben die Bauarbeiter kamen. Direkt neben uns haben die angefangen, zu werkeln.

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