Gestrandet in der Wallachei

Miss Molly auf der Krankenliege
Miss Molly auf der Krankenliege

Die Kleinstadt Pitesti wird im Rumänien-Reiseführer nicht erwähnt. Genauso wenig wie ihr noch kleinerer Vorort Bascov. Beide liegen ungefähr 120 Kilometer von der Hauptstadt Bukarest entfernt in der rumänischen Region Wallachei. Wenn man diese beiden Orte besucht, dann versteht man etwas besser den Gebrauch der sprichwörtlichen „Wallachei“ im Deutschen.

Genau dort in dieser echten Wallachei jedenfalls steht jetzt gerade Miss Molly. Ganz einsam und verlassen auf einem Parkplatz einer Werkstatt. Man könnte sagen, Molly ist ein bisschen krank und muss behandelt werden. Sie hat so etwas wie einen leichten Husten. Der äußert sich während des Fahrens so, dass sie etwas ruckelt und etwas sprunghaft ist. Nur schubweise beschleunigt sie – wenn überhaupt. Sie verschluckt sich dann etwas beim Husten und geht manchmal sogar ganz aus.

Diesen Husten hat sich Miss Molly vielleicht auf der Autobahn geholt. Und das obwohl sie zuvor drei wunderbar erholsame Tage im sonnigen Bukarest verbracht hatte. Es war sehr windig auf der Autobahn und hat wahnsinnig stark geregnet. Per Ferndiagnose am Handy hat der Auto-Flüsterer Steffen in Karlsruhe gesagt, vielleicht hat sich etwas Feuchtigkeit an die Zündkerzen gelegt oder an den Verteiler, sodass Molly da in der Gegend nicht mehr genug Funken sprühen kann. Oder so ähnlich.

Selbst eigenhändiges Trockenlegen (selbstverständlich per Live-Schaltung zu nach Karlsruhe) auf einer etwas unheimlichen Tankstelle mitten in der erwähnten Wallachei hat nichts geholfen. Zwar war der Husten dann mal kurz weg. Aber er kam dann beim nächsten Regenguss umso stärker zurück. Autos sind halt auch nur Menschen.

Molly hat es gerade so auf den Werkstatthof in Bascov geschafft. In die Arztpraxis sozusagen. Die sieht aus wie eine umgefallene Pyramide aus dreckigem Glas. Der Doktor dort hat erstmal vorgeschlagen die Molly an einen Computer anzuschließen. So wie man das eben heutzutage so macht mit modernen Autos. Und es ist gar nicht so leicht auf rumänisch dem Doktor dann irgendwie beizubringen, dass die Molly da überhaupt keinen Stecker hat, wo man einen Computer anschließen könnte. „Car very old, no Computer.“ „Very old? Which year?“ „1991“ „1991? Oh, that’s old.“

Werkstatt in Pitesti
Werkstatt in Pitesti

Der Doktor hat sich als Popescu vorgestellt. Er hat sich die Patientin dann irgendwann doch mal selbst angeschaut und eingesehen, dass da nichts mit einem Computer zu machen ist. Einen Kollegen hat er auch gleich dazugeholt. Der konnte nun gar kein Englisch und war überhaupt nicht begeistert, so spät noch eine Patientin reinzubekommen. 20 Minuten vor Feierabend. Stillschweigend und ohne eine Miene zu verziehen, zubbelte er dann etwas an den Zündkerzen rum. Guckte auch noch mal in den Verteiler. Ohne Erfolg.

Irgendwann standen dann drei Auto-Doktoren um die Molly herum und zubbelten und zerrten an dem armen Ding rum. Um Punkt 16:30 Uhr war damit aber Schluss. Dann wurde die Motorhaube zugemacht. Feierabend. Erste Prognose. Entweder ist Wasser im Motor, oder Molly ist am Ende. Am nächsten Tag gehts weiter. Hoffentlich ist man bei der Arbeit auch so korrekt, wie beim Feierabend.

Am nächsten Morgen lässt Popescu einen nicht lange warten. Und einen Plan hat er auch. Er will Molly zu einem Volvo-Spezialisten überweisen. Nach langer Recherche, vielen Telefonaten und schwieriger Kommunikation via online-Wörterbuch hat er dann eine entsprechende Werkstatt gefunden. Auch Popescu scheint erleichtert. Ob darüber, die schwierige Patientin aus Deutschland endlich wieder loszuwerden oder eine gute Lösug gefunden zu haben, bleibt erstmal unklar.

Molly wird also auf einen Transporter verladen. Gleich drei Mitarbeiter hat Popescu dafür abgestellt. Er beaufsichtigt alles mit strengem Blick. Schließlich führt er einen gutgelaunt zum abfahrbereiten Schlepper. Freundlich tätschelt er den Arm und hakt sich unter. Telefonnummern werden ausgetauscht. Man möge ihn doch bitte auf dem Laufenden halten und nicht zögern ihn zu kontaktieren, wenn man weitere Hilfe brauche.

10 Kilometer weiter via Krankenliege. Ankunft auf der zweiten Werkstatt. Wieder ein freundlicher Empfang. Der Doktor hier heißt Alex. Er wurde von Popescu schon ins Bild gesetzt. Bei einem Kaffee werden dennoch noch mal ausführlich die Symptome und die Entstehungsgeschichte erkärt. Alex hört aufmerksam zu und hat diesen beruhigenden Doktor-Blick. Molly kommt selbstverständlich sofort dran. Schließlich haben Touristen keine Zeit zu verlieren.

Wieder Gefummel und Gezerre. Eine Stunde und eine Probefahrt später heißt es: Molly sei topfit. Man könne keine Fehler finden. Die Wasser-Theorie scheint zu stimmen. Im starken Regen soll Molly jetzt nämlich nicht mehr fahren. Im Moment ist sie aber wieder trocken. Okay, Danke und Tschüss? Mitnichten. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Wohin soll die weitere Reise denn nun gehen? Über die Karpaten-Höhenstraße? Ja, da gibt es mehrere. Manche sind noch geschlossen, wegen Schnee. Alex checkt das im Internet. Telefoniert rum, fragt wartende Kunden, solange bis die Route steht. Und ja, Molly wird das schaffen. Jetzt aber gute Fahrt. Falls es wieder Probleme geben sollte, kommt auf jeden Fall zurück.

Molly vor Karpaten-Panorama auf der Transalpina
Molly vor Karpaten-Panorama auf der Transalpina

Das erste Selfie von Molly vor dem Karpaten-Panorama bekommt Popescu. Sofort klingelt das Telefon. Popescu ist mindestens genauso glücklich wie Molly. fPitesti und Bascov werden im Reiseführer nicht erwähnt. Zu unrecht. Denn hier gibt es die herzlichsten und engagiertesten Automechaniker überhaupt. Sich von ihnen zu verabschieden, fällt irgendwie schwer.

 

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