„Alles gut“ – Der neue Floskel-Trend

Geht man nach der sprachlichen Mode, könnte man gegenwärtig glatt denken, den Deutschen gehe es so gut wie nie. Egal wo, eine Floskel hört man derzeit fast überall: „Alles gut“.

„Oh Entschuldigung!“ – „Alles gut!“

„Wie geht’s ?“ – „Alles gut!“

„Danke!“ – „Alles gut!“

„Alles gut“ ist der neue Floskel-Trend. Inflationär werden diese beiden Wörter, die noch nicht mal einen vollständigen Satz bilden, verwendet, um, je nach Intonation, möglichst höflich, großzügig oder nachsichtig zu erscheinen. Nicht selten hört man diesen Halbsatz auch in Frageform. Dann könnte man das selten schöne dialogische Konstrukt erreichen:

„Alles gut?“
„Ja alles gut!“

Damit wäre dann alles gesagt. Wenn alles gut ist, erübrigt sich jede Nachfrage.

Höchstens vielleicht diese Nachfrage: „Wirklich alles? Wirklich? Alles?“ Schon richtig. Streng genommen sind das schon mehrere Nachfragen. Die Aufsplittung soll jedoch die Ungläubigkeit vermitteln, die der Nachfrager zum Ausdruck bringen müsste. Vielleicht mit einer hochgezogenen Augenbraue sollte er sein Gegenüber mit diesem ernstgemeinten Interesse konfrontieren. Denn: Kann um Himmels willen wirklich jemals mal alles gut sein?

Ganz ähnlich verhält es sich auch mit dem etwas aus der Mode gekommenen Ausspruch: „Alles klar“. Auch hier gerne verwendet die Frageform zur Begrüßung: „Na, alles klar?“ „Ja, alles klar.“ Danke der Nachfrage, und tschüss. Gerade in vergangenen Jahrzehnten war das sehr angesagt. „Alles klar“ war sozusagen der Vorgänger von „Alles gut“.

So gesehen könnte man nun vermuten, dass mit diesem Floskelwandel, mit dieser sprachlichen Veränderung auch gleich ein zivilisatorischer Schritt zum Ausdruck kommt. Ob auch gleich Fortschritt, das bliebe noch zu untersuchen.

Ein Versuch: Eine Gesellschaft, deren vornehmliches Ziel es war, die immer komplexere Welt zu verstehen, findet im „alles klar“ eine gemeinsame Basis. Ja, alles klar, heißt in diesem Sinne: „Ja, ich habe verstanden, ich habe den Durchblick, eigentlich ist für mich keine Frage offen.“ Offen bleibt in diesem Zusammenhang die Motivation dahinter. Warum dieses resolute Absolute? Es fühlt sich wohl einfach gut an. Denn, wenn alles klar ist, dann gibt es nichts zu erklären. Man sieht einfach klar. Wie angenehm.

Oder ist es das Gegenteil? Ist die Motivation des Alles-klar-Volks vielmehr eine Resignation, eine ausbleibende Lust und Freude daran, sich am besagten Thema, die komplexe Welt zu verstehen, zu versuchen. Man hat es offenbar oft genug versucht und ist dabei kläglich gescheitert. Man hat aufgegeben. Resignation aus Überforderung.

Die nachfolgende „Alles gut“-Generation ist im Vergleich zu ihren „Alles klar“-Vorgängern nun schon etwas weiter. Also vielleicht wirklich fortgeschritten. Hier geht es längst nicht mehr darum, die Komplexität zu verstehen. Jetzt geht es darum sie schönzureden. „Ja, alles gut.“ Alles ist gut. Die  Welt ist gut. Es gibt nichts Schlechtes. Vor allem dann nicht wenn man es einfach umbenennt. Man muss nur dran glauben.

Auch hier die wahrscheinliche Motivlage: Resignation. Schon längst hat man verstanden, dass alles mit allem zusammenhängt und dass jede Erklärung nur ein Mausklick entfernt liegt und dass ein „Alles klar“ ein Verstehen der Weltläufte dennoch nicht im geringsten möglich ist. Schon der kleinste Versuch endet in totaler Ermattung. Man fragt also lieber gar nicht mehr. Hinterfragt schon gar nicht. Es wird schon. „Alles gut“. Kapitulation.

Tief im Inneren bleibt jedoch ein mulmiges Gefühl. Ein Hauch von Skepsis. Man bleibt beunruhigt beim Blick auf die Welt. Alles ist ein bisschen aus dem Ruder gelaufen. Scheint sich verselbstständigt zu haben. Und auch hier: Was ist da beruhigender, besänftigender, wohltuender als ein überzeugendes „Alles gut“. Alles gut – Balsam der Verunsicherten. Opium für die Ängstlich

3 Gedanken zu „„Alles gut“ – Der neue Floskel-Trend“

  1. Ich mag diese dumme, nichtssagende Floskel nicht mehr hören und antworte darauf gar nicht – aber das wird noch nicht einmal bemerkt!!!

  2. Der neueste Trend: Wenn man im Gespräch nicht weiter weiß wird jetzt gesagt: „und ja“. Das ist genau so doof wie früher jeder frei nach Boris Becker dauernd sagte: aem, aem.

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