3 Monate Osteuropa – Das Fazit

 

Steg führt über Plitwitzer Seen, Kroatien
Plitwitzer Seen, Kroatien

Elf Länder in drei Monaten. Rund 9000 Kilometer Strecke. Kann man dazu ein Fazit ziehen? Ein Versuch ist es wert.

Zunächst mal die nüchternen Zahlen:

  • 9.327 Kilometer
  • 86 Tage
  • 14 Grenzübergänge
  • 16 Tankfüllungen
  • 11 Campingplätze
  • 700 Gramm Kaffee
  • 5 Camping-Gas-Katuschen
  • 5 Waschmaschinen

Drei Monate und 12 Länder in ein einziges Fazit zu packen, wird den einzelnen Ländern nicht gerecht. Vielleicht lässt sich ein Resümee auf eine Frage reduzieren: „Würdest Du die Reise noch mal machen?“ Ganz klares „Ja“. Für mich ist Südosteuropa eine ziemlich unterschätzte Region. Landschaftlich hat jedes von uns besuchtes Land wahnsinnig viel zu bieten. Dazu sind sie touristisch noch nicht so überlaufen, das Reisen ist relativ günstig und die Menschen, die wir getroffen haben, haben sich fast ausnahmslos gefreut, dass wir ihr Land besuchen. Sie waren gastfreundlich, interessiert und offen.

Die folgenden Beobachtungen würde ich gerne teilen, ohne damit den Anspruch auf allgemeine Gültigkeit zu erheben. Folgendes bleibt mein subjektiver Eindruck, gespeist aus den persönlichen Erfahrungen und Begegnungen:

Vorbild Deutschland

Ich hatte das Gefühl, dass die meisten Menschen, die wir auf der Reise getroffen haben, voller Ehrfurcht und Sehnsucht nach Deutschland schauen. Deutschland gilt vielen als Vorbild. Weil dort „alles“ funktioniere und ordentlich und sauber sei. Und es genug Arbeit. Viele von ihnen streben nach Deutschland, um dort zu arbeiten. Viele können schon Deutsch aus der Schule, oder aus einer Fluchtgeschichte heraus, oder sie lernen es.

Oft habe ich eine Art Minderwertigkeitsgefühl gespürt, das die Menschen in ihrem Land gegenüber Deutschland haben. Ich finde das merkwürdig, denn mit den Augen eines Durchreisenden fand ich alle Länder, total faszinierend, wunderschön und lebenswert. Und wonach will man auch bewerten, ob ein Land lebenswerter ist als ein anderes?

Andererseits habe ich viel Resignation gespürt bei den Menschen. Viele haben, so mein Eindruck, den Glauben in die handelnden Politiker verloren. Niemand glaubt ihnen, dass sie ihr Land durch ihre Politik verbessern. Ich kann mich an kein Gespräch erinnern, in dem mein Gegenüber von einem Politiker überzeugt war und nicht von dessen Korrumpierbarkeit.

Für mich ist es schwer vorzustellen in einem Land zu leben, in dem ich nicht mehr an den Willen und die Absicht der regierenden Volksvertreter glaube, das Land mit Ihrer Arbeit zu verbessern. Natürlich habe ich bei manchen deutschen Volksvertretern so meine Kritik, oder bezweifele ihre Kompetenz, aber im Großen und Ganzen würde ich sagen, funktioniert unsere Demokratie. Sie scheint von dem übelsten Virus, der Korruption, noch größtenteils verschont.

Angst vor fremden

Mit vielen Menschen auf der Reise habe ich über das Thema Flüchtlinge gesprochen. Viele von ihnen waren selbst Flüchtlinge (während des Jugoslawien-Krieges) oder ihre Eltern oder Großeltern waren es (während des 2. Weltkrieges). Dennoch wollen viele von ihnen Flüchtlingen aus Syrien, Irak oder Afghanistan kein Asyl gewähren. Dieses Bild hat sich auf der Reise bestätigt. Und warum ist das so? Ich glaube, weil sie einerseits Angst haben, dass es ihnen dann selbst schlechter geht. Ich glaube viele Menschen, die wir getroffen haben, leben oft in der Angst, sozial abzurutschen, zu verarmen oder ihren Besitz zu verlieren. In so einer Situation ist man sich dann wohl erst mal selbst am Nächsten.

In Ungarn habe ich zum Beispiel mit einem jungen Mann gesprochen, der mir gesagt hat, dass Viktor Orban innenpolitisch nichts auf die Reihe bekomme. Die Bereiche Bildung, Gesundheit, Rente völlig in den Sand setze, dazu in seine eigene Tasche wirtschaft, Orban aber dennoch wiedergewählt wurde, weil er die Flüchtlinge aus dem Land halte.

Mir scheint es so, dass viele der Menschen, die wir getroffen haben, irgendwie Angst vor dem Fremden haben. Manche reden von der Islamisierung der Welt, die irgendwelche Mächte ausgerufen haben und nun umsetzen wollen. Sie reden oft aus einer Geschichte heraus, die von Belagerung, Übernahmekämpfen und Kriegen geprägt ist. Vielleicht ist es deshalb für uns Deutsche manchmal schwierig zu verstehen, warum viele osteuropäische Staaten in der Flüchtlingspolitik so ablehnend auftreten.

Nach der Reise kann ich aber ihre Haltung etwas besser verstehen. Ich bin zwar nach wie vor dafür, Hilfesuchenden Asyl und Hilfe zukommen zu lassen, aber ich glaube in manchen Ländern muss man behutsamer vorgehen, um ihnen ihre Ängste zu nehmen. Echte Existenzängste zu haben und gleichzeitig mit einer historisch geprägten „Angst vor dem Osten“ aufzuwachsen, können wir vielleicht kaum nachvollziehen.

Der Osten und die europäische Idee

Ein Grund in den Osten zu fahren, war es ja auch, die eigenen Vorurteile zu überprüfen. Wenn man in den vergangenen Jahren die Nachrichten verfolgt hat, dann haben die Äußerungen von Victor Orban und Co. den Eindruck entstehen lassen, dass sich östlich der Neiße eine Staatengemeinde formiert, die den Zielen ihrer westlichen EU-Nachbarn diametral entgegen steht. Mehr noch, als wolle sie die Grundwerte der Europäischen Union, Solidarität, Freiheit und Rechtstaatlichkeit, torpedieren.

Und es ist schwer diesen Eindruck nicht auf ein ganzes Land und dessen Bewohner zu übertragen. Insofern war diese Reise für mich wichtig, weil ich etwas Selbstverständliches gelernt habe: Das Getöne einiger Politiker steht nicht für das ganze Land, das sie repräsentieren und auch nicht für alle Bürger, von denen sie gewählt wurden.

Vielmehr glaube ich, dass es eine echte Charme-Offensive „Osteuropa“ geben müsste. Um die Europäische Union weiterzuentwickeln, braucht man den Osten. Da hilft es nicht, ihn einfach links liegen zu lassen, weil einem gewisse Politiker nicht passen. Ich finde, es müsste eine viel größere Zusammenarbeit geben zwischen den Pro-Europäischen Kräften. Denn die gibt es auch in Ländern wie Bulgarien, Ungarn oder Rumänien.

Meine Erfahrung war es auf dieser Reise, dass sich viele Bewohner dieser Länder eine stärkere EU wünschen. Aber sie wünschen sich auch, ernster genommen zu werden. Und das ist ja erst mal ein nachvollziehbares Anliegen. Das Dilemma ist nur: Oft basiert ihre EU-Kritik auf falschen Annahmen. In Bulgarien denken viele, dass sie mehr Geld nach Brüssel überweisen, als sie zurückbekommen. Das stimmt aber nicht. Ganz im Gegenteil: Bulgarien hat gemessen am BIP, 2016 am meisten Geld von allen bekommen. 

Oft haben diese Länder auch Politiker gewählt, die man kaum ernst nehmen kann (s. Rumänien, Ungarn oder Tschechien). Sie sind teilweise wegen Korruption oder Wahlbetrug verurteilt.  Mit denen hätte ich an Merkels Stelle auch keine Lust zu verhandeln. Brüssel muss meiner Meinung nach viel stärker auf Rechtstaatlichkeit, Unabhängigkeit der Justiz und demokratische Bildung einsetzen. Die Bürger müssen wieder lernen, sich auf ihre Politiker verlassen zu können.

Wen das Thema mehr interessiert, dem empfehle ich den Podcast eastsideEU, den wir auf der Reise zu jedem Land verfasst haben.

Art des Reisens

Häufig beschäftigt hat mich die Art und Weise unserer Reise. Roadtrip, Camping, manchmal Hotel. Wie wir gereist sind, hat sich sehr von der von vor 30 Jahren unterschieden. Als Kind sind meine Eltern mit meinen Geschwistern und mir mit Straßenkarte und Campingführer losgefahren. Auf meinen ersten Reisen alleine bin ich meist zum Busbahnhof gegangen und habe geguckt wohin, man als nächstes fahren kann. Abends bin ich dann von Hostel zu Hostel gelaufen und habe gefragt, ob noch ein Zimmer frei ist. Oder habe in einem Reiseführer geblättert. Oder rumgefragt unter anderen Backpackern oder Einheimischen. Zugegeben, manchmal war das recht mühsam.

Heute läuft das anders: Statt Straßenkarte gibt es eine Navigations-App fürs Handy (maps.me – sehr zu empfehlen), um Campingplätze zu finden, gibt es zig Webseiten in den einzelnen Ländern. Wenn wir in Großstädten waren und Hotels gesucht haben, haben wir lange auf bookings.com oder anderen Anbietern verbracht. Man konnte auf der Seite ja alles genau nachlesen, ohne jemals das Hotel gesehen zu haben: Preis, Verfügbarkeit, Bewertung, Erfahrungsberichte, etc. Wir haben dann meist ein paar Tage im Vorfeld gebucht, um auch sicherzugehen, dass wir ein Zimmer bekommen.

Manchmal habe ich mich beim Online-Buchen gefragt, auf was ich mich da eigentlich verlasse? Wie fundiert sind die Informationen, nach denen ich entscheide? Im Endeffekt hat mich das zur Frage geführt, was eigentlich die Realität ist: Ist es die Straße, die das Navi anzeigt, oder die, die wir durch das Autofenster sehen? „Das Navi zeigt hier eine Straße an, die muss hier irgendwo sein“, lautet ein beliebter Dialog. Manchmal wurde sie aber verlegt, geschlossen, gesperrt oder in einen Kreisverkehr umgewandelt.

Die virtuelle Realität

Oder in Bezug auf Hotels. Was ist hier real? Welche Realität beschreiben die Erfahrungsberichte im Netz? Eigentlich doch nur die subjektive Realität des Verfassers. Aber hat er denn auch die gleichen Vorlieben wie ich? Empfindet er denn ein Bett als sauber, wenn ich es tue? Oder ein Frühstücksbuffet als umfangreich, wenn ich es tue? Wann kann ich mich denn auf ein Urteil im Internet verlassen? Woher weiß ich außerdem, ob seine Bewertung erstens echt ist und nicht vom Hoteleigentümer gefaked und zweitens: Wann weiß ich, ob ich dem Ersteller des Urteils in seiner Urteilsfähigkeit glauben kann? Und wie gewichte ich die unterschiedlichen Urteile?

Im Grunde vertraue ich bei der Nutzung von Online-Portalen auf Urteile und Erfahrungen von wildfremden Menschen. Und ich nehme sie für bare Münze. Wenn die Masse sagt, das Hotel sei zu empfehlen, dann glaub ich das. Und ich ignoriere vielleicht die Handvoll negativer Rezensionen.

Was ich also sagen will ist, dass selbst eine großartige Bewertungslage nicht vor Enttäuschungen schützt. Weil sie eben nicht verlässlich sein kann. Oft wird diese Bewertungslage aber als Realität angesehen. Ihr wird blind vertraut. Es wird suggeriert, dass ein Hotel besser ist als das andere, nur weil es eine bessere Bewertung hat. Es wird einem suggeriert, dass man durch Bewertungsportale umfangreiche Informationen zu einem Hotel oder Restaurant bekommt. Dabei sind sie willkürlich, subjektiv und möglicherweise gefälscht.

Um rat Fragen

Früher hat man vielleicht wildfremde Menschen angesprochen und gefragt, wo man hier in der Nähe übernachten oder gut Essen gehen kann. Danach konnte ich selbst entscheiden, ob und wie sehr ich dieser Empfehlung traue. Sah der Mensch vertrauensvoll aus, wie hat er seine Empfehlung begründet, schien er ein Feinschmecker zu sein, wohnt er hier oder ist er Tourist? Wenn mir sein Urteil nicht reicht, konnte ich noch weitere Meinungen einholen. Meinungen mit Zusatzinformationen zum Meinungsgeber. Heute schaut man bei Portalen wie Tripadvisor und verlässt sich auf Meinungen anonymer Unbekannter, von denen ich wirklich gar nichts weiß.

Beide Formen der Meinungsbildung, sei es durch herkömmliches Rumfragen oder durch Online-Rezensionen, schützen nicht vor Enttäuschungen. Was mich aber an der heutigen Art und Weise stört ist: Erfahrungsberichte im Internet werden als bare Münze genommen, nicht hinterfragt, sondern als die Realtität verstanden.

Klar erleichtern diese Apps viele Dinge und ich kann mich ja auch entscheiden, sie nicht zu nutzen. Aber angesichts dessen habe ich mich oft an einen Ausspruch von Boris in Kroatien erinnert. Er verlieh Surfbretter auf einem Camping-Platz und sagte am Ende eines langen Gesprächs: „Ich muss meinen Kindern ständig sagen, dass sie auch mal den Computer ausmachen und nach draußen gehen sollen. Denn dort ist das Leben, nicht im Computer. Das verwechseln sie oft.“

 

 

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